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Was machen Selbsthilfegruppen?

In Selbsthilfegruppen schließen sich Menschen mit einem gemeinsamen Problem oder einer gemeinsamen Erkrankung zusammen. Sie verstehen, helfen und stärken sich gegenseitig und werden zusammen aktiv. Die Mitglieder von Selbsthilfegruppen sind und werden "Experten in eigener Sache".

In der Gruppenarbeit geht es um vieles: Um Informationen und Erfahrungsaustausch, um gegenseitige Hilfe innerhalb der Gruppe und Hilfe für außenstehende Gleichbetroffene, um Gruppengemeinschaft und Geselligkeit, um Wissenserwerb und gemeinsames Lernen, um Kooperation mit Versorgungseinrichtungen und um Öffentlichkeitsarbeit und Interessenvertretung.

Dabei spielen die verschiedenen Aspekte der Problemstellung und ihrer Bewältigung eine Rolle, zum Beispiel die Gegebenheiten der gesundheitlichen und sozialen Versorgung, die Situation in der Familie, die Auswirkungen auf Arbeit und Freizeit, Schule und Ausbildung oder die Einschränkung sozialer Kontakte und der Mobilität.

Der Fachverband Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (DAG SHG) e.V. charakterisiert Selbsthilfegruppen als lose Zusammenschlüsse von Menschen mit gleicher Problemstellung.

"Selbsthilfegruppen sind freiwillige, meist lose Zusammenschlüsse von Menschen, deren Aktivitäten sich auf die gemeinsame Bewältigung von Krankheiten, psychischen oder sozialen Problemen richten, von denen sie - entweder selber oder als Angehörige - betroffen sind.
Sie wollen mit ihrer Arbeit keinen Gewinn erwirtschaften. Ihr Ziel ist eine Veränderung ihrer persönlichen Lebensumstände und häufig auch ein Hineinwirken in ihr soziales und politisches Umfeld. In der regelmäßigen, oft wöchentlichen Gruppenarbeit betonen sie Authentizität, Gleichberechtigung, gemeinsames Gespräch und gegenseitige Hilfe. Die Gruppe ist dabei ein Mittel, die äußere (soziale, gesellschaftliche) und die innere (persönliche, seelische) Isolation aufzuheben. Die Ziele von Selbsthilfegruppen richten sich vor allem auf ihre Mitglieder und nicht auf Außenstehende; darin unterscheiden sie sich von anderen Formen des Bürgerengagements. Selbsthilfegruppen werden nicht von professionellen Helfern geleitet; manche ziehen jedoch gelegentlich Experten zu bestimmten Fragestellungen hinzu."

(Quelle: Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (DAG SHG) e.V.: Selbsthilfegruppen-Unterstützung. Ein Orientierungsrahmen. S.3, Gießen 1987)

Mit dieser Definition der DAG SHG soll insbesondere folgendes deutlich gemacht werden:

  • Zwar sind bei weitem die meisten Selbsthilfegruppen im Gesundheitsbereich aktiv; aber sie beschäftigen sich nicht nur mit Krankheiten, sondern sie bearbeiten auch psychische und soziale Probleme.
  • Viele Selbsthilfegruppen sind Gesprächsgruppen; sie arbeiten darüber hinaus aber oft auch handlungsorientiert.
  • Selbsthilfegruppen entfalten sowohl das Selbsthilfe-Prinzip - das heißt Lösung von Problemen ohne professionelle Hilfe -, als auch das Gruppen-Prinzip - das heißt gemeinschaftliche Problembearbeitung.
  • Die Ziele von Selbsthilfegruppen richten sich zunächst auf ihre eigenen Mitglieder und nicht auf Außenstehende. Selbsthilfegruppen sind keine Dienstleistungs-Erbringer, deren Leistungen beliebig abrufbar sind. Ihre positive Wirkung ist abhängig von dem, was die Teilnehmer an Offenheit, Engagement und individuellen Fähigkeiten einbringen. Nichtsdestoweniger bieten viele Selbsthilfegruppen auch Beratung für andere Betroffene an, die (noch) nicht Mitglied geworden sind.
  • Die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe ist kostenlos.
  • In Selbsthilfegruppen werden eine Fülle unterschiedlicher Problemlagen bearbeitet, die Raum für die psychischen und sozialen Faktoren der Krankheitsverarbeitung und -bewältigung, wie beispielsweise Überwindung von Einsamkeit und Isolation lassen.

Die Betroffenen wollen in der Selbsthilfegruppe seelische Schwierigkeiten und Konflikte sowie die Begleiterscheinungen ihrer Erkrankung oder Behinderung gemeinsam bewältigen und einander helfen.

Die Teilnehmer/innen von Selbsthilfegruppen streben an, sich und ihre persönlichen Lebensumstände zu verändern. Oft versuchen sie auch, sozial und politisch Einfluss zu nehmen.

Die Vielfalt der Selbsthilfegruppen ist groß; jede Gruppe hat ihre eigenen Ziele und arbeitet anders als andere. Manche orientieren sich zum Beispiel ausschließlich auf den eigenen Gruppenzusammenhang, andere wiederum stärker nach außen, auf andere Betroffene, auf die Öffentlichkeit oder das professionelle Versorgungssystem.

Die Gruppe hebt die Isolation der einzelnen auf und stärkt dadurch das Selbstvertrauen und die Solidarität.

Durch die Regelmäßigkeit der Treffen entsteht ein stützender Zusammenhalt, der Verständnis und Trost gibt und Mut macht zu neuer Aktivität und verändertem Verhalten.

Im Gespräch erfährt jede/r nicht nur seine eigene Situation neu, sondern auch die der anderen Teilnehmer/innen.

Jede/r kann vertrauensvoll am Leid und an den Sorgen anderer Anteil zu nehmen, weil man sie selbst gut kennt.

Jede/r ist auch Vorbild für die Problembewältigung. Denn trotz Krankheit, Behinderung oder seelischer Konflikte verfügt jede/r über Bewältigungsmuster, die im Alltag verwendet werden, oft ohne sie überhaupt bewusst zu bemerken.

Die Selbsthilfegruppe macht solche konstruktiven Fähigkeiten bewusst und fördert ihre Entfaltung. Da die Selbsthilfekräfte bei allen anders sind, verfügt die Gruppe über unterschiedliche Modelle, mit Schwierigkeiten und Problemen fertig zu werden.

Das Geschehen in einer Selbsthilfegruppe ist ein Prozess zunehmender Selbstentwicklung.

Die Gründe für die Teilnahme an der Gruppe sind für jeden Menschen unterschiedlich und oft sehr persönlich. Gründe können beispielsweise sein:
 

  • aus Verzweiflung herauszufinden und wieder Mut zu fassen
  • der Wunsch, sich selber in der Begegnung mit anderen Menschen besser kennenzulernen und weiter zu entwickeln
  • mehr Informationen zu bekommen
  • Unterstützung und Verständnis bei Menschen zu finden, die eine ähnliche Lebenssituation aus eigener Erfahrung kennen
  • neue Freundschaften in einem Kreis zu schließen, in dem man sich anerkannt und verstanden fühlt
  • andere Menschen in der Gruppe zu unterstützen
  • gemeinsame Aktivitäten zu planen und durchzuführen
  • die Öffentlichkeit über Probleme und Missstände zu informieren
  • sich für Maßnahmen zur Lösung bestimmter Probleme einzusetzen
  • das Leben trotz einer schwerwiegenden Krankheit, einer sozialen Notlage oder einer traumatischen Erfahrung zu bewältigen
  • die eigene Isolation zu überwinden
  • in einer Umbruchphase Orientierung zu finden
  • auf das Versorgungssystem und das soziale Umfeld Einfluss zu nehmen.

Jede Selbsthilfegruppe bestimmt ihre Organisationsform und ihr Vorgehen selbst. Trotz aller Unterschiede im einzelnen gibt es aber auch viele Gemeinsamkeiten im Vorgehen. Zum Beispiel spielen das offene und vertrauensvolle Gespräch und der Informationsaustausch immer eine zentrale Rolle.

Eine typische Organisations- und Arbeitsweise einer Selbsthilfegruppe ist die folgende: Die Selbsthilfegruppe hat eine überschaubare Teilnehmerzahl (ca. 6-12 Personen). Die Teilnehmer/innen treffen sich regelmäßig über einen längeren Zeitraum, meist wöchentlich. Die Gruppensitzungen dauern 2-3 Stunden. Die Treffen finden nicht im privaten Rahmen, sondern in einem neutralen Raum statt, um zu verhindern, sich wie „Gastgeber/innen“ und „Gäste“ zu verhalten. Alle Teilnehmer/innen sind gleichgestellt; jede/r kann Leitungs- und Arbeitsaufgaben übernehmen. Gemeinsame Fragen entscheidet die Gruppe in eigener Verantwortung. Die Teilnehmer/innen bestimmen selbst, wie lange die Treffen dauern, wie die Arbeit gestaltet wird, ob und wann sie für „Neue“ offen sind, ob und wie sie in die Öffentlichkeit gehen, welche Aktivitäten sie durchführen usw.

Jede Gruppe durchläuft verschiedene Phasen. Anfängliche Ängste und Unsicherheiten werden dadurch überwunden, daß sich jede/r mit seinen Bedenken, Gefühlen und Konflikten einbringt. Mit der Zeit entsteht ein starkes Gruppengefühl und eine Atmosphäre von Vertrauen und Geborgenheit.

Fachleute wirken bei der konkreten Selbsthilfegruppenarbeit nicht mit. Vielen Menschen fällt es schwer zu glauben, dass dies möglich ist. Erfahrungen der Gruppen haben jedoch gezeigt, dass sie gerade auch ohne Fachleute erfolgreich arbeiten können.

Es gibt keine festen Regeln oder gar Vorschriften für die Arbeit von Selbsthilfegruppen. Jede Gruppe entwickelt im Laufe der Zeit ihren eigenen Stil. Für Gruppen, bei denen das gemeinsame Gespräch im Mittelpunkt steht, gibt es jedoch einige Empfehlungen für den Umgang miteinander:
 

  • Jede/r bringt sich frei mit seinen Problemen, Gefühlen und Ideen ein.
  • Jede/r soll in der Gruppe zu Wort kommen. Sinnvoll kann es sein, zu Beginn und am Ende der Gruppensitzung eine Blitzlicht-Runde durchzuführen. Jede/r ergreift dann reihum das Wort und spricht über die augenblicklichen Gefühle und Erwartungen.
  • Es kann immer nur eine/r sprechen. Dabei sollte jede/r den Mut zur „Ich-Form“ aufbringen. Die „Man“- oder „Wir-Form“ sollte vermieden werden. Jede/r sollte sich direkt an die anderen in der Gruppe wenden, mit ihnen und nicht über sie sprechen.
  • Es sollte nicht über Außenstehende (zum Beispiel die Partnerin / den Partner), sondern von sich, von den eigenen Gefühlen, Gedanken und Verhaltensweisen geredet werden.
  • Gefühle, auch „negative“ Empfindungen, die im Alltag häufig unterdrückt werden: Angst, Schwäche, Abneigung, Sorgen, Ärger, Kränkung, Scham und so weiter sollten in der Gruppe mit der größtmöglichen Offenheit geäußert werden.
  • Störungen haben Vorrang. Wer nicht mehr zuhören kann, beunruhigt, traurig oder wütend ist, sollte das möglichst bald aussprechen. Die Gruppe sollte den Verlauf unterbrechen, um sich diesen Gefühlen zuzuwenden.
  • Eigenständigkeit muss respektiert werden. Nur über Meinungen kann man diskutieren. Beim Erfahrungsaustausch gibt es kein „richtig“ oder „falsch“. Jede/r muss lernen, Erfahrungen und Gefühle als solche stehen zu lassen und nicht zu bewerten oder zu kritisieren.
  • Niemand sollte beschwichtigend oder besserwissend Ratschläge erteilen, wo jede/r nur für sich selbst entscheiden und das eigene Tun verantworten kann.
  • Keine/r sollte sich und andere bei der Lösung von Schwierigkeiten unter zeitlichen Druck setzen. Probleme sollten offen gelassen werden, denn so wie sie nicht von heute auf morgen entstehen, so können sie auch nicht in kurzer Zeit gelöst werden.
  • Dem Gruppengespräch muss kein festes Thema zugrunde liegen, es ist ja in aller Regel keine Diskussion. Der Gesprächsverlauf ist offen. Diskussionen über bestimmte Themen sollten extra vereinbart werden.
  • Über die Gespräche in der Selbsthilfegruppe wird gegenüber Außenstehenden Stillschweigen bewahrt.

Selbsthilfegruppen bestimmen ihre Arbeitsweise und ihre Ziele selbst. Dafür brauchen viele Selbsthilfegruppen eigentlich gar kein oder kaum Geld. Andere wiederum brauchen für ihre Gruppenarbeit Zuschüsse, manchmal sogar in größerem Umfang.

Wofür Selbsthilfegruppen Geld benötigen könnten:
 

  • für die Mietkosten des regelmäßig genutzten Gruppenraums oder eines größeren Raums für Informations-, Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen und andere öffentliche Zusammenkünfte
  • für Kopier- oder Druckkosten von Informationsmaterialen, Einladungen, Aushängen, Mitgliederrundbriefen, Plakaten
  • für Materialien und Utensilien zur Ausstattung eines Informationsstandes
  • für Zeitungsanzeigen, um Interessierte anzusprechen oder bestimmte Veranstaltungen anzukündigen
  • für Telefonkosten
  • für die Kosten der Internetadresse und Internetdienste (Provider)
  • für Portokosten
  • für die Anschaffung von Fachliteratur zur Arbeit beziehungsweise zum Thema der Selbsthilfegruppe
  • für Honorare von Referent/innen (falls Sie Fachleute einladen möchten, die auf einer Bezahlung bestehen)
  • für Rundfunk- und Fernsehgebühren (wenn Sie eigene Geschäftsräume angemietet haben)
  • für die Kosten eines Bankkontos der Gruppe
  • für die Kosten der Einrichtung und des Betriebs einer Internetseite
  • für Nutzungsrechte von Ton- und Bildträgern oder die Verwendung von Texten
  • für Fahrtkosten, zum Beispiel zu Mitgliedern, die aufgrund einer Behinderung immobil, vorübergehend bettlägerig oder im Krankenhaus sind, beziehungsweise zu Treffen mit anderen Selbsthilfegruppen, zu Tagungen, Kongressen oder Messen
  • für Teilnahmekosten an Fortbildungsveranstaltungen und Tagungen
  • für die Kosten einer Präsentation der Gruppe auf Messen und ähnlichen Veranstaltungen.

Selbsthilfegruppen basieren auf dem Solidaritätsprinzip und auf der Eigenverantwortlichkeit der Einzelnen. Also ist es gerechtfertigt, wenn alle Gruppenmitglieder dazu auch finanziell einen eigenen, kleinen Beitrag leisten. Viele Selbsthilfegruppen regeln so ihre geringen Finanzbedarfe unter sich.

Sie können jedoch auch prüfen Sie, ob die Möglichkeit besteht, für ihre Gruppenarbeit finanzielle Zuschüsse von der öffentlichen Hand (Kommune, Bundesland), von gesetzlichen Sozialversicherungen (Krankenkassen, Träger der Renten- und Pflegeversicherung), von Stiftungen und anderen Institutionen und Organisationen zu beantragen. Weitere Informationen finden Sie in unserer Rubrik "Förderung".

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